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30 Stunden und ein bisschen weiser (von Holger Seidel)

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30 Stunden und ein bisschen weiser (von Holger Seidel)

Nachdem Holger Seidel es geschafft hat, den Rekord (27.-28. August 2022) zu brechen und den Weltrekord im brandneuen Bülk Mk 1 um mehr als 3 Stunden (1094 km in 29h:57min) zu verbessern, haben wir ihn gebeten, seine Gedanken zu teilen mit uns, bevor und während er mit seinem Velomobil Deutschland von Süd nach Nord durchquert. Eine tolle Leistung von Holger und eine tolle Teamarbeit. Wir sind stolz auf dich!

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Offizielle Rekordbestätigung der World UltraCycling Association (siehe hier)

Mehr Details zu Holger Seidel Velomobil Rekordfahrt (siehe hier)

Entdecke Bülk und andere Velomobile (siehe hier)

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Holgers Gedanken:

 

Am Ende laufen über ein Jahr Training, Vorbereitungen und Organisation auf einen Tag bzw., so hofften wir zumindest, auf unter 33 Stunden hinaus. Und bis zum Schluss bleiben Fragen offen. Aber wenn es ein Rekord werden soll, müssen diese Zweifel auch ausgeblendet werden. Die finalen Vorbereitungen begannen am Donnerstag, den 25.08.2022 mit dem Abholen vom Mietbus, dem Verladen von Velomobil und Material, dem „Einsammeln“ der ersten Teammitglieder und der Anfahrt nach Oberstdorf. Und natürlich schaut man auf der Fahrt auf die späteren Durchfahrtsstrecken, welche sich teilweise in unmittelbarer Autobahnnähe befanden. Und ja, selbst mit dem PKW ist die Anfahrt in den Süden kein Pappenstiel.

 

Der Freitag ist unser Tag der Vorbereitungen. Wow, so viel Arbeit liegt noch vor uns. Fahrzeug und Ersatzfahrzeug müssen noch komplett abgestimmt und beklebt werden, der Einkauf gemacht, Autos vorbereitet, Absprachen getroffen… Eigentlich ist der Tag für ein nicht eingespieltes Team viel zu kurz. Aber die Probefahrt wird für gut befunden, der Startort besichtigt, der Rest der Crew kommt an, die ersten Bilder werden gemacht und dann geht es ins Bett. 

 

Samstag 04.00 Uhr klingelt der Wecker, 04.30 Uhr ist Abfahrt zum Start nach Birgsau. Am Morgen alles feucht nach einem Regen und ziemlich angenehme Temperaturen. Den genauen Starttermin ziehen wir dann noch etwas vor, denn warten macht keinen Sinn. Los geht es. Die ersten Km fahre ich sehr verhalten, es ist feucht und ich möchte auf keine Fall einen Abflug riskieren. Also schön einfahren, was bei mir ziemlich lange dauert. Dann die ersten Unterstützer am Wegesrand. Es sollte bis in Ziel so bleiben, immer wieder gab es Menschen mit super motivierenden Aktionen an der Strecke.

 

Auch wenn ich nicht alle erkannt habe, ich habe mich super gefreut! Ganz zu Beginn habe ich etwas Magenschmerzen, welche sich aber bald verziehen. Und dann geht es los im Dauerflow. Ich habe Musik auf den Ohren und zusätzlich Funkkontakt zum Begleitfahrzeug. Was zählt sind für mich: Konzentration auf die Strecke sowie die Werte des Powermeters und des Pulsmessers. Auf andere Werte schaue ich nur ca. 3-4-mal in den nächsten 30 Stunden. Im Kopf habe ich eine Vierteilung der Strecke: Birgsau-Würzburg, Würzburg-Holle, Holle-Wischhafen, Wischhafen-Ziel. Und ich bin jeweils in meinem Abschnitt und nicht schon am Ziel oder irgendwo anders. Der Körper läuft und so sollte es bleiben. Für die ersten 300 Km steht ein Zielpuls von ca. 130, an Steigungen auch mal kurz mehr. Gab es Probleme auf der Fahrt? Nein! Gab es kniffelige Situationen? Ja, einige. Navisignal im Bülk geht verloren, neue Baustellen tauchen auf, ein paar Gewitter wollen uns foppen, Reifenschaden, Kleinigkeiten am Bülk, ein Waschbär auf der Straße… Aber ich bin im Tunnel, mir kann das nichts anhaben, ich habe das beste Team dabei. Und so blende ich die “schwierigen” Anteile aus. Den Rekord habe ich so gut wie nicht im Kopf. Körper und Geist scheinen sich auf diesen einen Tag verständigt zu haben und so spule ich die Km ab. 

 

Dann kommen die Höhenmeter im Maingebiet und in der Rhön. Vor diesem Abschnitt hatte ich den größten Respekt. Hartmut sagt alle relevanten Steigungen an: Länge, Steigungsprozente, Dauer und zu tretende Wattzahl. So gehen wir das bis zu den letzten Hügeln im Norden durch. Und das war ein Erfolgsrezept. Dazwischen habe ich immer wieder etwas rausgenommen und regeneriert. Nach den relevanten Höhenmetern merke ich, dass es immer noch super läuft. Und genau an der Stelle hatten viele die Befürchtung, dass es nicht funktionieren könnte. Ich war nur ein paar Minuten vor der Minimalzeit, aber die existierte für mich ja gar nicht. Nach den letzten Steigungen der Ausläufer vom Harz war mir klar, dass ich jetzt aufdrehen kann und so habe ich das Tempo langsam angezogen und die geplanten Pausenzeiten verkürzt. Essen ging nach der ersten Pause nur noch in Form von Flüssignahrung. Auf alles Feste hatte ich keinen Appetit. Gel, Flüssignahrung, Isotrunk und in den Pausen Cola und Wasser haben ausgereicht. Die Nacht kommt und ich werde nicht müde, keine Halluzinationen, kein relevanter Leistungseinbruch und immer noch richtig Spaß bei der Sache. Ab Celle werden es schon Festspiele. In den frühen Morgenstunden durch bestes Velomobil Geläuf mit 50-60 Km/h fahren.

 

Dann richtig Gas geben bis zur Fähre Wischhafen-Glückstadt. Diese fährt in den Morgenstunden noch unregelmäßig, die Wartezeiten können im ungünstigsten Fall bei 30-40 Minuten liegen. Crew: „Schaffst du 22 Km in unter 30 Minuten (mit den entsprechenden Ortsdurchfahrten)?“ Ich: „Ich gebe mein Bestes!“ Geschafft, 07.20 Uhr Punktlandung auf der Fähre die Crew atmet auf. Fritz fragt mich zu Beginn der letzten Etappe, ob ich eine Zielzeit verfolgen möchte. Ich verstehe: Zwischen 30 Stunden, 30 Minuten und 30 Stunden, 50 Minuten ist realistisch. Fritz meint aber die 30 Stunden zu knacken. Daran denke ich bis zum Ziel nicht und mir war auch nicht klar, dass es unter 30 Stunden werden. Crew: “Willst du hinten raus noch mal alles geben?”, Ich: “Ja klar, aber im ersten Abschnitt (nach der Fähre) mit Klein/Klein (Umleitungen) macht das keinen Sinn. Ich fahre die letzten 2 Stunden noch einmal mit Vollgas.” Und genauso wird es. Vom Verfolgerfahrzeug dann auf den letzten 50 Km regelmäßige Ansagen mit dem angepeilten Durchschnitt. Ich raffe aber immer noch nicht, dass es um unter 30 Stunden geht.

 

Die Zeit verfliegt, die letzten Hügel lassen wir hinter uns, es geht runter zur See. Der Wind weht eher nachteilig, interessiert mich heute aber nicht. Die Beine gehen immer noch enorm gut, keine Anzeichen von Krämpfen. Und so bin ich am Ziel an der dänischen Grenze, kann den großartigen Empfang noch nicht ganz fassen und bin nur beeindruckt, dass mein Körper das so gut mitgemacht hat. Keine Schmerzen, keine Qual, viel Freude und Erleichterung.   

 

Tage wie diese kann es geben, aber alltäglich oder normal sind sie sicherlich nicht. Und was sich so leicht anhört, war enorm viel Arbeit im Vorfeld. Es ist ja nicht nur das Training, es ist die Orga, die Öffentlichkeitsarbeit, es sind so viele kleine Dinge zu regeln. Dass am Ende ein neuer Rekord mit 29 Stunden und 57 Minuten steht, hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Man kann sagen: Hier haben alle ihr Bestes gegeben! Herzlichen Dank an mein ganzes Begleitteam. Herzlichen Dank auch an alle Sponsoren und Spender*innen, die dieses Unternehmen möglich gemacht habe. Und an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön für die Unterstützung an den Velomobile World ! Ebenfalls ein großes Dankeschön für die entfachte Begeisterung, ob an der Strecke oder im Forum. Mich haben diese Emotionen getragen.